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Tobi - ein Hund aus Poitiers


Im Sommer 2020 habe ich mich bei einem Tierschutzverein, der Hunde aus dem Ausland rettet, als Pflegestelle registriert. Mit dem folgenden Erfahrungsbericht möchte ich den Weg und die Entwicklung unseres ehemaligen Pflegehundes Tobi - und mittlerweile vollwertigen Familienmitglieds - darstellen.

Im August 2020 fällt die Entscheidung, dass Tobi aus Poitiers zu uns kommen soll. Das Bild dieses kleinen zerzausten Bretonen berührt mich sehr und ich hoffe, dass wir ihm diesen Stress nehmen können.

30.08.2020 Um ca. 10 Uhr ist es endlich soweit- der Transporter kommt bei uns nach sehr langer Fahrt an. Ich hebe einen kleinen, verängstigten Rotschopf aus dem Wagen. Er riecht nach Pipi und sobald er auf der Straße sitzt, muss er auch erst einmal seine Blase entleeren. Ich trage ihn über die Straße, durch unseren Flur in den Garten. Dort darf er sich erstmal in Sicherheit ganz in Ruhe umsehen, schnüffeln, trinken, seine Geschäfte erledigen. Er bekommt von uns ein paar Begrüßungssnacks, die der kleine magere Kerl gern nimmt.

Nach einiger Zeit möchte er mit ins Wohnzimmer kommen.

Der Blick nach einer Stunde bei uns.

Tobi genießt alle liebevollen Berührungen. Aber er liegt nur, wenn man ihn krault - sonst steht er fast immer. Irgendwann schläft er endlich etwas ein - im Flur mit dem Kopf auf meinen Beinen.


Er lernt an diesem Tag auch unseren anderen Bretonenmix Henner kennen. Beide tragen sicherheitshalber erstmal ein Geschirr. Aber soweit verläuft der Tag friedlich.

In der ersten Nacht liege ich mit ihm auf der Couch und halte ihn. Gebe ihm Nähe. Er schreckt bei jedem Geräusch hoch. Schlafen ist überhaupt ein Problem bei ihm. Er folgt mir überall hin und hat nur einen sehr leichten Schlaf.

Da er noch die Fäden von der Kastration hat, muss ich bereits in der ersten Woche mit ihm zum Tierarzt, um diese ziehen zu lassen - das klappt mit Hundeleberwurst ziemlich gut und mit einer neuen guten Erfahrung geht es wieder heim.


Tobi ist noch nicht stubenrein- man muss ihn wie bei einem Welpen entspannt unterstützen und mit ihm sehr regelmäßig in den Garten. Dort pieselt und käckelt er fast immer und oft läuft er gleichzeitig dabei weiter, um alles abzuschnüffeln.

Überhaupt: Schnüffeln- seine Leidenschaft. Unglaublich geräuschintensiv schnüffelt und schnorchelt er alles an bei uns im Haus, im Garten.


Und er beißt in alles hinein: Tischbeine, Füße, Arme, Socken - ich kaufe ihm Kauholz - davon schreddert er in den ersten 4 Wochen drei Stück. Auch ein gefüllter Kong lenkt ihn etwas ab.

Dennoch dauert diese Phase mehr als vier Wochen an. Er ist zudem so voller Unruhe, dass er oft sehr lange steht, bis er vor Müdigkeit auf den Boden plumpst.

Auch sein Futter verteidigt er vor allen. Wir arbeiten konsequent mit „Tauschen“ und er erhält sehr regelmäßig sein Futter, so dass er dieses Grundbedürfnis voll erfüllt hat und nie Angst haben muss, sein Essen zu verlieren.

Wir unterstützen ihn auch körperlich mit tierärztlicher Betreuung - zunächst auch eine zeitlang mit Zylkene und nach Besuch bei einer Tierheilpraktikerin machen wir eine Darmkur mit Reis und Pansen. Danach macht er im Verhalten einen großen Sprung nach vorn.


Unsere Spaziergänge gehen an der sehr langen Schleppleine. Er ist noch sehr schnell unterwegs, aber ich verstärke jedes Stehen, Sitzen, Schauen. Tobi zeigt sich sozial noch sehr unsicher. Mit unserem anderen Bretonen gibt es hin und wieder Futterstreit, aber mit einer Trennung durch ein Kindergitter läuft auch das besser. Tobi möchte zu jedem Hund, hat unheimlich viel nachzuholen. Das geht natürlich nicht immer und wenn er warten muss, zeigt er zunächst großen Frust.


Auch Muskulär hat er große Defizite. Er bekommt Physiotherapie und geht aufs Unterwasserlaufband.


Zudem machen wir sehr viel Körperarbeit mit ihm, um ihn muskulär aufzubauen und seine Beweglichkeit und Entwicklung zu fördern, ihm Selbstsicherheit zu geben. Anfänglich fällt er oft hin. Dies gibt sich mit der Zeit. Wir üben mit ihm das selbständige Rückwärtsgehen, was seine Körperwahrnehmung ebenfalls sehr fördert und ihm Sicherheit verleiht.


Wasser liebt es über alles. Wir ermöglichen ihm viele Entdeckungen und fahren zu vielen schönen Wegen. So langsam verliert er auch die Scheu vorm Autofahren, die er durch seine lange Reise bekommen hatte. Es gibt viele gute Sachen im Auto zu fressen, so dass er auch das Auto mehr und mehr positiv verknüpft.

Er ist nach ca. 2 Monaten bei uns sicher stubenrein und kann einige Zeit alleine bleiben.

Einige Schuhe müssen aber dran glauben.


Unsere Spaziergänge laufen weiter an der 15 m langen Schleppleine mit viel Pause und Ruhe ab. Er ist jagdlich rassetypisch sehr interessiert und hat die Nase viel am Boden. Er schaut gerne und setzt sich dabei hin oder steht vor. Das verstärke ich mit ruhigem Lob und lasse ihn Dinge zu Ende machen.


Hundebegegnungen sind zu Beginn noch von Frust und Einfrieren begleitet. Dies bessert sich aber mehr und mehr

Im Herbst 2021 machen wir eine Zoopharmakognosie- Behandlung. Danach gibt es nochmal einen deutlichen Entwicklungsschub.

Er entspannt und träumt nun plötzlich und kann sich endlich so richtig fallen lassen.

Nun gehen wir gemeinsam unseren weiteren Weg und ich freue mich sehr über diesen glücklichen kleinen wilden Kerl.

Ich kann sicher sagen, dass ich es nicht bereue, dass er bei uns gelandet ist.

Aber genau so muss ich eingestehen, dass die ersten sechs Wochen extrem anstrengend waren, ich zahlreiche Waschmaschinen mit unseren Teppichen gewaschen habe und sehr wenig geschlafen habe.

Aber wir alle haben voneinander und miteinander gelernt und Tobi ist nun ein entspannter und altersgemäß lustiger Junghund geworden, der die Welt entdecken möchte und nun auch bereit ist, weiter zu lernen.


Grundsätzlich sollte man sich VOR der Aufnahme eines Hundes aus dem Tierschutz bewusst sein, dass man sehr viel Zeit und Energie (und je nach Therapie auch Geld) benötigt. Zudem muss man geduldig den Weg mit dem Hund gehen.

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Du möchtest einen Hund aus dem Tierschutz aufnehmen oder hast bereits einen und benötigst Unterstützung?


Dann melde Dich gerne und wir betrachten Eure individuellen Bedarfe.


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